Der hallesche Künstler Andreas Löschner-Gornau gestaltete in Dessau sein "Kunstwerk auf Zeit". Seit die Räume der Galerie "Materialwaren und Südfrüchte von Otto Koch" des K.I.E.Z. e.V. nicht mehr für Wechselausstellungen genutzt werden können, führt Johanna Bartl konsequent fort, was sie schon mit der Reihe von ihr betreuter Ausstellungen begonnen hatte: Sie lädt Künstler ein, an ausgewählten Orten bzw. in derzeit ungenutzten Räumen in der Stadt Dessau Werke zu realisieren, die sie eigens für diese Orte/Räume schaffen. Zu den jüngst eingeladenen gehört Andreas Löschner-Gornau aus Halle. Er suchte sich selbst einen Ort in der Stadt, der ihn herausforderte darauf zu reagieren. Geleitet dabei hat ihn sein Eindruck eines zerrissenen, desolaten Charakters der Stadträumlichkeit, entstanden durch die Traditionsbrüche 1945 und 1989/90, den Widerspruch zwischen häufig beziehungslos zum Alten errichtete Neubauten und zerfallenden älteren Gebäuden, die aber gerade durch die Spuren gelebten Lebens in und an ihnen, durch ihre Patina, faszinieren, gleichsam selbst leben.

Die Mauer in der Ferdinand von Schill Straße, letzter Rest der ehemaligen Leopold-Kaserne, genauer: ihre freistehende Kante, hatte es ihm schließlich angetan - markiert sie doch im wörtlichen Sinne den Bruch, den die "Zeitläufe" auch in der gebauten Umwelt vielfältig verursacht haben. Eben dieses Moment des Bruchs- der Zeiten, Traditionen, Bauweisen, gesellschaftlichen Verhältnisse etc.- gedachte Löschner-Gornau mittels seines Eingriffs an der Bruchkante zu der Mauer würde vergoldet werden.
Und darüber hinaus wollte er ursprünglich auch ein Stück Mauer und ein Dachfenster des schräg gegenüber stehenden Eckhauses vergolden. Dessen sein derzeitiger Eigentümer plante, das Gebäude abreißen zu lassen und wollte keine Aufmerksamkeit dafür wecken. Sie verweigerte also dem Künstler ihre Zustimmung. Nun wurde aber dieser Konflikt öffentlich und das führte mit dazu, daß sich ein Verein gründete, um das stadt- und wissenschaftshistorisch bedeutende Haus zu retten. Inzwischen erwarb der Verein das Haus, des Künstlers Bemühung führte also, hier ganz ohne unmittelbaren Eingriff, zu einem gelungenen Fall von Kunst als sozialer Plastik im Sinne von Joseph Beuys.
Zurück zu dem, was Löschner-Gornau blieb, zu seinem "Goldenen Schnitt" durch Zeit und Raum an der Kasernenmauer. Seine je nach Tageszeit und Lichteinfall stumpf leuchtende bis hell strahlende Gestaltung ist ein Kunstwerk auf Zeit, die Mauer wird wohl noch in diesem Jahr abgerissen. In der Beschränkung auf eine begrenzte Dauer aber liegt ja ein besonderer Reiz der ortsbezogenen Arbeit des "Büro Otto Koch" zwischen Ausstellung und Installation und eine besondere Chance, ungewöhnliches, ungewohntes den Betrachtern näher zu bringen.
Was Löschner-Gornaus Werk ist und bedeuten kann, erhellt zunächst aus dem Titel, den er ihm gab: Goldener Schnitt. Der Begriff bezeichnet eine künstlerische Praxis, Flächen oder Strecken harmonisch zu teilen, die Teile in ein Verhältnis von Harmonie zu setzen. Dies geschieht derart, daß Strecke oder Fläche so in zwei Teile zerlegt werden, daß das Verhältnis des kürzeren Teils zum längeren genau dem Verhältnis des längeren Teil zum Ganzen entspricht. Hat der Künstler zum Einen den "Schnitt" durch die Mauer, die "Schnittkante" im wörtlichen Sinne vergoldet, hat er im übertragenen Sinne die zerstörte Harmonie mit einem "Goldenen Schnitt" an einer Stelle und für eine Weile wiederhergestellt. Damit eröffnet sich ein weiter Assoziations- und Bedeutungsraum. Der beginnt beim Bezug zum Dessauer Bauhaus als Hochschule für Gestaltung, der es um das Schaffen von "Gestalten" ging, also Ganzheiten, die mehr sind als die Summen ihrer Teile, prägnant, einprägsam und wiedererkennbar. Und er umschließt den grotesken Gegensatz zwischen dem Werk und seinem Ort, seiner Umgebung.
Indem er Verfall, etwas verfallendes vergoldet, verwendet der Künstler das Material Gold quer zur üblichen auftrumpfenden Dekoration für Reiche und Mächtige.
In seiner Erscheinung gewinnt das Werk eine zweifache Differenzierung, bezogen auf seine Technik wie seine Wahrnehmung. Technisch verwendet es blattvergoldete, hochglänzende Flächen mit pulververgoldeten, rauher und stumpfer. So variiert auch seine Wahrnehmung, vom direkten Reflex des Sonnenlichts zu bestimmter Tageszeit, die länger anhält bei den stumpfen Teilen bis zum verhaltenen Schein des Goldes, solange es nicht direkt vom Licht getroffen wird. Löschner-Gornaus Werk ist eines für Passanten, das en passant, im Vorübergehen entdeckt, betrachtet und bedacht werden kann. Der Künstler verweist in und mit ihm auf die Spannung zwischen Zeit und Ewigkeit, indem er ein "ewiges" Material, eben Gold, einsetzt für ein "zeitliches" Werk, dem sein Ende von Anfang an eingeschrieben ist.

T.O. Immisch Kustos “Staatliche Galerie Moritzburg” - Landes Kunstmuseum Sachsen-Anhalt

"Goldener Schnitt (durch Dessau)" - 1999

Spannung zwischen Zeit und Ewigkeit